Grossrätinnen wollen Gleichstellungsbüro abschaffen

Frauenförderung – Die Gleichstellung von Mann und Frau ist längst «gelebter Alltag», sagen SVP- und EDU-Politikerinnen. Stimmt nicht, entgegnet der Berner Regierungsrat. Marius Aschwanden Der Kampf für die Gleichstellung von Mann und Frau ist noch immer in vollem Gang. Tausende Menschen gingen am Weltfrauentag vom 8. März 2018 in verschiedenen Schweizer Städten auf die Strasse.

Am 22. September dann waren es rund 20 000 Personen, die in Bern für Lohngleichheit demonstrierten. Und für den 14. Juni nun ruft die Gewerkschaft im Service public nach 1991 sogar zu einem zweiten schweizweiten Frauenstreik auf. Ungeachtet dessen ist für rechtsbürgerliche Politikerinnen und Politiker klar: Die Gleichstellung von Mann und Frau ist längst Realität, der Kampf überflüssig.

In verschiedenen Kantonen attackieren sie deshalb seit einigen Jahren Gleichstellungsfachstellen und fordern deren Abschaffung. Jetzt nehmen SVPund EDU-Grossrätinnen und -Grossräte auch im Kanton Bern «Die junge Generation kennt keinen mehr.» Aus der Motion einen neuen Anlauf. Die Gruppe um die Bieler Politikerin Sandra Schneider (SVP) schreibt in ihrer Motion: «Im Gegensatz zu unseren Müttern und Grossmüttern kennt die junge Generation heute keinen
» Deshalb kommen die Parlamentarierinnen in ihrer Begründung des Vorstosses zum Schluss, dass es künftig auch keine kantonale Fachstelle für Gleichstellung mehr braucht. Der Berner Regierungsrat seit einigen Jahren wieder mit einer bürgerlichen Mehrheit hält jedoch wenig von dieser Idee. Auf über drei A4-Seiten erklärt er den Motionärinnen, weshalb es die Fachstelle eben doch noch braucht. Denn die Gleichstellung sei in der Bundesverfassung zwar verankert, und in vielen Bereichen seien Verbesserungen erzielt worden. Andernorts jedoch hapere es noch immer gewaltig.

So würden sich etwa Karrierechancen und Lohnentwicklung von Männern und Frauen noch immer gewaltig unterscheiden. Bei den Arbeitnehmern mit Vorgesetztenfunktion beträgt der Frauenanteil beispielsweise 35 Prozent, in Geschäftsleitungen grosser Unternehmen 8 Prozent und im obersten Kader der Berner Kantonsverwaltung (ohne Justiz) 24 Prozent. Die durchschnittliche Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern betrug 2014 in der Privatwirtschaft zudem 20 Prozent. Laut dem Bund sind 40 Prozent dieses Unterschieds nicht durch objektive Faktoren erklärbar. Und auch in der Politik sind Frauen untervertreten.

Im bernischen Grossen Rat etwa kommen auf 103 Männer nur 57 Frauen. Aus all diesen Zahlen zieht der Regierungsrat das Fazit: Es gibt weiterhin Handlungsbedarf bei der Förderung der Gleichstellung von Mann und Frau. Die mit 210 Stellenprozenten dotierte Fachstelle leiste mit «bescheidenen Mitteln einen wirkungsvollen Beitrag» zur Erreichung tatsächlicher Gleichstellung im Kanton, so die Regierung. Das letzte Wort hat nun der Grosse Rat.

Quelle: Berner Zeitung, 16.2.2019

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